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Militarisierung
Im 19. Jahrhundert ist es in den meisten europäischen Nationen normal, dass Jungen Krieg spielen. Auch im Deutschen Kaiserreich, wo das Militär ein hohes Ansehen hat. Militärisches Spielzeug ist in Deutschland nichts Ungewöhnliches. Kriegsspielzeug ist beliebt, um Jungen für das Soldatenleben zu begeistern und das Nationalgefühl zu stärken – und so die gesellschaftliche Militarisierung durch Spielzeug voranzutreiben.
Quelle: Kind in Uniform, Karl-Heinrich Austmeyer, Europeana 1914-1918, Europe; Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE
Im Deutschen Kaiserreich gelingt Militarisierung durch Spielzeug
Das Deutsche Kaiserreich wird 1871 nach drei Kriegen unter Preußischer Führung gegründet. Kein Wunder also, dass das Militär in dem noch jungen Staat allgegenwärtig ist: Neben regelmäßigen Militärkonzerten und Paraden finden jährlich die „Kaisermanöver“ statt. Dabei handelt es sich um militärische Großübungen in Gegenwart des Kaisers. Disziplin, Wehrhaftigkeit, Loyalität und Tapferkeit gelten als männliche Tugenden, die sich im Militär widerspiegeln. Spielzeug soll dazu beitragen, die Knaben möglichst früh an die soldatische Gemeinschaft und die Lieder zur Nation und ihrer Geschichte heranzuführen.
In den Augen der Zeitgenossen ist militärisches Spielzeug pädagogisch und psychologisch wertvoll. Es soll die Kinder von Anfang an strategisch schulen und emotional an zukünftige Schlachten gewöhnen. Nur die Allerwenigsten finden den Sinn und Zweck dieses heute historischen Kriegsspielzeugs problematisch. Zwar gibt es zuweilen Gegenwind aus den Reihen der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften, aber im Großen und Ganzen wird im Kaiserreich die Militarisierung durch Spielzeug akzeptiert.
Militarismus im Alltag: Manöver und Paraden
In der Kaiserzeit kommen die Menschen fast täglich mit dem Militär in Kontakt, zum Beispiel bei öffentlichen Manövern und Paraden. Historische Aufnahmen geben Einblick in die militärischen Veranstaltungen der Kaiserzeit.
*Quellen der Abbildungen: 01, 02, 03, 06, 09, 14 Unbekannter Fotograf, 04 Oscar Tellgmann, Bundesarchiv Bild 146-2000-016-17A, 05, 13 Oscar Tellgmann, 07 Karl Köthe, 08 A. Büttner, 10 Franz Tellgmann, 11 Oscar Tellgmann – Bundesarchiv Bild 136-C0072/Tellgmann,Oscar, 12 Oscar Tellgmann – Bundesarchiv Bild 136-C0087/Tellgmann,Oscar; Lizenzen der Abbildungen: 01 CC BY NC SA 4.0, 02, 03, 05 – 10, 13, 14 Public Domain, 04, 11, 12 CC BY-SA 3.0 DE
Spielzeugsoldaten begeistern die Kinder
Vor allem Soldatenfiguren aus Blei und Zinn sind im 19. Jahrhundert sehr beliebt. Mit ihnen können die Kinder sich in die Schlachtmomente versetzen, vergangene Gefechte nachempfinden und sich zukünftige vorstellen. Die Figuren sind lebensecht ausgestattet. Beispielsweise tragen Spielzeugsoldaten die Uniformen real existierender Großmächte. Noch heute findet man viele Beispiele dieses historischen Kriegsspielzeugs.
*Quelle: Sammlung BPM
Pfennig
So viel kostet zwischen 1895 und 1900 eine Schachtel mit 30 bemalten Infanteristen oder Militärmusikern. Das ist etwa der doppelte Stundenlohn eines Durchschnittsarbeiters.
Die Militarisierung durch Spielzeug hat ihren Preis: Die meisten Arbeiter können sich industriell hergestellte Spielsachen erst um die Jahrhundertwende leisten. Bis dahin schnitzen und basteln die Eltern zumeist selbst, um ihre Kinder wenigstens an Weihnachten beschenken zu können.
Massefiguren erobern den Markt
Anfang des 20. Jahrhunderts werden sogenannte Massefiguren populär. Diese bestehen aus einer luftgetrockneten Masse, die meist aus Holzmehl, Leim, Gips oder ähnlichen Materialien zusammengesetzt ist. Damit sind Spielzeugsoldaten als Massefiguren leichter herzustellen und günstiger im Preis als Blei- und Zinnsoldaten.
Die beiden größten Produzenten sind Lineol und O. & M. Hausser. Lineol wird 1906 Brandenburg an der Havel gegründet, Hausser wenige Jahre später in 1910. Hausser hat seinen Sitz zunächst in Ludwigsburg, später Coburg. Neben den Themen Tiere und Reisen ist Kriegsspielzeug in Form von Spielzeugsoldaten die wichtigste Sparte. Damit mausern sich Lineol und Hausser in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den bedeutendsten deutschen Herstellern von Kriegsspielzeug. Vor allem Hausser ergänzt sein Angebot an Massesoldaten mit Schiffsmodellen, Zeppelinen sowie militärischen Brett- und Kartenspielen. Vieles von diesem historischen Kriegsspielzeug ist heute noch erhalten.
Quelle: Sammlung BPM
Marine als Kinderspiel
Um 1900 hält auch die Marine Einzug in die Knabenzimmer und trägt zur Militarisierung durch Spielzeug bei. Der 1898 gegründete „Deutsche Flottenverein“ startet eine beispiellose Propagandakampagne, um das maritime Rüstungsprogramm der Regierung populär zu machen. Bald fahren auch in den Spielzimmern kleine Handels- und Kriegsschiffe.
Anfangs sind die Möglichkeiten zur Erholung und Abwechslung an Bord noch begrenzt, da nicht alle Decks für die Passagiere zugänglich sind. Zudem können die Kabinen der Doch auch andere Spiele beschäftigen sich mit dem Thema. Ein Berliner Verleger bringt zum Beispiel das „Deutsche Marine-Spiel“ auf den Markt. Im Fokus der bunten Bildchen auf Faltpapier: die Stellung des Kaiserreiches als Kolonial- und Weltmacht. Die Begeisterung für die Marine macht auch vor den Kleiderschränken der Kinder nicht halt. Der blau-weiße Matrosenanzug kommt in Mode und stellt ein weiteres Beispiel der Militarisierung im Kaiserreich dar.
Spielzeugmodell eines Küstengeschützes aus dem Ersten Weltkrieg von Märklin, Göppingen
Quelle: Privatsammlung
Militärisches Blechspielzeug von Arnold, Märklin & Co.
Nürnberg und Fürth sind Zentren für die Herstellung lackierter, qualitativ hochwertiger Spielzeugmodelle aus Blech oder Zink. Die 1906 gegründete Firma Arnold bietet unter anderem Infanterie an. Die Gebrüder Bing, 1866 als Großhandelsfirma gegründet, ist bekannt für Dampfmaschinen, Technikspielzeug und Eisenbahn-Modellen. Nun kommen zunehmend Kriegsgerät, Kreuzer-Modelle und später sogar kleine Feldausrüstung für Kinder dazu, die zur Militarisierung durch Spielzeug beitragen. Aber auch die Gebr. Märklin & Cie., gegründet 1856 im schwäbischen Göppingen, sind ein großer Produzent von sorgfältig modellierten Kriegsschiffen und anderen Militärspielzeugen aus Metall. Kriegsspielzeug ist ein wichtiger Bestandteil der Spielzeugproduktion.
Ken Krüger präsentiert sein Lieblingsobjekt aus der Sonderausstellung „[K]ein Kinderspiel“
Der Erste Weltkrieg: Aus Spiel wird ernst
Im Jahr 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus. Viele Deutsche verspüren eine patriotische Begeisterung im festen Glauben, der Krieg diene der gerechten Sache. Die Kriegseuphorie packt vor allem junge Männer aus dem Bürgertum, die bis kurzem noch mit Spielzeugsoldaten gespielt haben. Auch minderjährige Jungen ziehen nun in den Krieg, einige gerade einmal 15 Jahre alt. Viele von ihnen werden den Krieg nur versehrt oder gar nicht überleben: Von einer Schulklasse mit 30 Jungen werden 5 nicht wieder zurückkehren, 10 verwundet nach Hause kommen. Doch zunächst kommt es im Kaiserreich weiter zu einer Militarisierung durch Spielzeug.
Links: Gymnasiasten stürmen unter Anleitung ihres Lehrers einen Hügel bei Geltow/Havel | Rechts: Die Schlacht von Verdun im Jahr 1916
Quelle links: Privatsammlung | rechts: Wikipedia, Public Domain
Kriegsspiel als patriotischer Akt
Die Produktion von Kriegsspielzeug erhält zwischen der Jahrhundertwende und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges einen Wachstumsschub. Dieser erreicht im Jahr 1914 einen Höhepunkt: Militärisches Spielzeug herzustellen, zu kaufen und zu verschenken wird endgültig zum patriotischen Akt. Unter den militärischen Spielsachen finden sich Puppen in Feldgrau, kleine Soldaten, Kinderuniformen, Säbel und Gewehre sowie Brett- und Kartenspiele.
Mit dem Ersten Weltkrieg wird auch die Mundharmonika mit patriotischer Gravur modern. Sie reproduziert die Schützengrabenromantik und liegt bald unter vielen Weihnachtsbäumen. Pädagogen und Lehrer befürworten die Militarisierung durch Spielzeug. Sie empfehlen Geländespiele und Kriegsspielzeug zur jugendlichen Gewöhnung an zukünftiges Soldatentum für den Vaterländischen Dienst.
*Quellen & Lizenzen der Abbildungen: 01 Landesmuseum Württemberg, Dirk Kittelberger, 02, 03, 05, 06 Privatsammlung, 04, 07, 08 Sammlung BPM
Strategiespiele gewinnen an Beliebtheit
Die Militarisierung durch Spielzeug findet im Ersten Weltkrieg auf ganz unterschiedliche Art und Weise statt. So entwickeln sich nun neue Varianten des Belagerungs- oder Festungsspiels, das seit dem 18. Jahrhundert existiert. Dabei kämpfen Verteidiger und Angreifer um die Festung in der Mitte des Bretts. Die Mitspieler bewegen Soldaten als Spielsteine entlang von Linien vor und zurück. Auch Kartenspiele thematisieren den Krieg, stellen alliierte und feindliche Heere vor. Eine Firma wirbt 1915 gar mit dem Versprechen, „alle zum Aufbau eines zeitgemäßen Krieges nötigen Artikel“ anzubieten. Mit diesen Spielen verklärt die deutsche Gesellschaft selbst 1916 noch die industrielle Vernichtung der jungen Männer in den Feuerwalzen vor Verdun oder an der Somme.
Geschichte des Strategiespiels
Schach ist eines der ältesten Strategiespiele überhaupt. Seine genaue Herkunft ist nicht bekannt, möglicherweise wurde es im 6. Jahrhundert in Indien oder Persien erfunden. Verwandte Formen sind Chaturange, Chatrang, Xiangqi, Firzan, Makruk, Hnefatafl und Tablut. Was alle Spiele vereint: Sie sind Simulationen einer Schlacht.
Weickmann vergrößert das Schachbrett und macht es für mehrere Parteien spielbar. Die Ersetzung der Felder durch Punkt in einem Gitternetzsystem erinnert das Spielfeld des wesentlich jüngeren „Sternhalma“. Auch erweiterte Weickmann die Zahl der Figuren auf 14.
Der Mathematik-Professor Johann Christian Ludwig Hellwig unternimmt den Versuch, ein taktisches Spiel auf einem Schachbrett zu kreieren. Das Spiel soll von zwei oder mehr Personen gespielt werden können.
Abbildung (04*): „Versuch eines aufs Schachspiel gebauten taktischen Spiels“, Hellwig, 1780
Nach zwanzig Jahren erneuert Hellwig seinen Vorschlag unter dem Titel "Das Kriegsspiel, ein Versuch die Wahrheit verschiedener Regeln der Kriegskunst in einem unterhaltenden Spiele anschaulich zu machen."
Abbildung (05*): „Das Kriegsspiel, ein Versuch die Wahrheit verschiedener Regeln der Kriegskunst in einem unterhaltenden Spiele anschaulich zu machen“, Hellwig, 1803
“Das Kriegsspiel, oder Anleitung zur Darstellung militairischer Manöver mit dem Apparat des KriegsSpieles” von Bernhard von Reißwitz setzt den Schwerpunkt nicht mehr auf Unterhaltung. Es nutzt mit topografischen Karten eine technologische Neuerung und wird Teil der Offiziersausbildung.
Von Verdy du Vernois ist Lehrer an Militärakademien und fördert das Kriegsspiel. In den Jahren von 1870 bis 1880 gibt es einen fruchtbaren Diskurs zum Kriegsspiel, welcher mehrere sich ergänzende Anleitungen nach sich zieht.
1876: Es setzen sich im Militär freiere Varianten des Kriegsspiels durch, die auf Würfel und Tabellen verzichten. Es erfolgt stattdessen eine freie Bewertung der Entwicklung durch die Spielleitung. Dies ebnet den Weg zu militärischen Sandkastenspielen. Mit dem strategischen Kriegsspiel – in größerem Maßstab – können Feldzugsoperationen auch oberhalb der Ebene des Armeekorpses durchgeführt werden.
Abbildung (11*): The Autumn Manoeuvres, Officers playing at Kriegs Spiel, or the "Game of War". Illustration for The Graphic, 17. August 1872, Joseph Yr. Nash, Wikimedia
Anhand des Kriegsspiels wird die Schlacht von Tannenberg geplant. Auch nach dem Ersten Weltkrieg bleibt das Spiel, welches auch für die jährlichen Großmanöver genutzt wurde, in der Ausbildung relevant.
Abbildung (14*): Kriegsspiel inklusive Verpackung, Spielplan und Figuren, 1914
*Quellen für die Abbildungen 04 & 05 strategiespiele.de, für 09: Copyright Christian Sperling, 11: Lizenz Public Domain (gemeinfrei), 14: Copyright Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges. m. b. H.
Militarisierung in der Welt der Mädchen
Doch auch vor den Kinderzimmern der Mädchen macht die Militarisierung durch Spielzeug nicht halt. Puppenhersteller kleiden ihre Produkte in Uniformen oder rüsteten sie mit Säbel und Gewehr aus. Unter ihnen auch die namhafte Käthe Kruse sowie viele kleinere Firmen, darunter vor allem aus der sogenannten Puppenstadt Coburg. Die Mädchen sollen, wie echte Krankenschwestern im Lazarett, die Wunden ihrer kleinen Soldaten gesundpflegen. Denn Kindheit um 1900 heißt auch für Mädchen, sich auf ihre zukünftige gesellschaftliche Rolle vorzubereiten.
Einige Hersteller glauben, dass die Puppen in Uniform auch Begeisterung unter den Knaben wecken würden. Manche Produkte verhöhnen sogar die Feinde: Man wirft zum Beispiel mit Bällen nach Kriegsgegnern oder rollt die Kugel gegen Kegel mit Feindgrimassen. „Familie Lügenmaul“ von einer Nürnberger Firma besteht aus Stofftieren in Uniformen – der Bär stellt Russland dar, der Hahn Frankreich, die Bulldogge England. So sickert Kriegspropaganda in verschiedenen Formen in die Kindererziehung hinein.
Ein Feldlazarett aus Elastolin-Massefiguren und im Hintergrund ein deutsches Feldlazarett vor dem im Winter 1917 zerstörten Château de Pinon am Chemin des Dames in Nordfrankreich
Quelle: Sammlung BPM
Spielzeugindustrie in der Krise
Nach der anfänglichen Blüte stürzt der Krieg die Spielzeughersteller in eine tiefe geschäftliche Krise. Vor dem Krieg hatte Deutschland über die Hälfte des gesamten Spielzeuges in der Welt produziert. Mit dem Kriegsausbruch bricht jedoch fast der gesamte Export weg. In Deutschland machen den Herstellern die fehlende Kaufkraft und der Materialmangel zu schaffen und bringen die Militarisierung durch Spielzeug zum Erliegen.
Betriebe jeder Größe sind vom Konkurs betroffen. Einige Blechspielzeughersteller werden zur Kriegsproduktion herangezogen, stellen Patronenhülsen oder andere Kleinteile für den Armeebedarf her. Doch auch das nützt dem deutschen Militär wenig. Als der Erste Weltkrieg 1918 endet, ist Deutschland besiegt. Es zeigt sich: Die Militarisierung durch Spielzeug hat zu einem der größten und brutalsten Kriege der Menschheitsgeschichte beigetragen.