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Spielzeugproduktion
In der Spielzeugproduktion des 19. Jahrhunderts spiegelt sich die Industrialisierung wider: Dampfmaschinen und Eisenbahnen bevölkern die Kinderzimmer. Gleichzeitig findet die Spielwarenproduktion nun erstmals selbst industrialisiert statt. Beliebte Spielzeuge sind Bilderbogen, Blechspielzeug, Zinn- und Massefiguren sowie Puppen, die deutsche Fabrikanten bis in die USA exportieren.
Quelle: bpk / Kunstbibliothek, Photothek Willy Römer
Puppen, Blechspielzeug und Bilderbogen: Spielwarenproduktion im Kaiserreich
Die Spielzeugproduktion im 19. Jahrhundert im Deutschen Kaiserreich verteilt sich auf verschiedene Zentren. Zum Beispiel fertigen viele Puppenhersteller ihre Waren in Sonneberg in Thüringen oder rund um Nürnberg und Fürth. Die berühmte Puppenmacherin Käthe Kruse eröffnet ihre erste Fabrik in Berlin. In der Metropolregion bilden sich weitere Zentren der Spielzeugfertigung, zum Beispiel für Blech- und Massespielzeug und Bilderbogen. In Brandenburg an der Havel etwa produzieren das Patentwerk Ernst Paul Lehmann für Blechspielzeug und die Lineol AG für Massespielzeug. Diese Unternehmen erlangen weltweit Bekanntheit und gehören bald zu den internationalen Marktführern.
Im Norden Berlins wird Neuruppin zu einem bedeutenden Zentrum der Spielzeugproduktion im 19. Jahrhundert. Vorzeigeprodukte sind die beliebten Bilderbogen. Diese handkolorierten Einblattdrucke informieren mit wenig Text und vielen Illustrationen über aktuelle Ereignisse wie Neuigkeiten aus deutschen Fürstenfamilien. Bilderbogen sollen alle Altersklassen belehren, beschäftigen und unterhalten. Als Würfelspiele, Hampelmänner, Ausschneidepuppen und Papiersoldaten sind sie auch Teil der Spielzeugfertigung. Die Themenvielfalt und die konstant hohen Auflagen machen die Bilderbogen zu einem der populärsten Bildmedien des 19. Jahrhunderts.
Brandenburgische Spielwarenfertigung um 1900
Brandenburg an der Havel entwickelte sich um 1900 zu einem wichtigen Zentrum der Spielzeugherstellung im Deutschen Kaiserreich. Das Patentwerk Ernst Paul Lehmann und die Lineol AG erlangten auch internationale Bekanntheit und gehörten mit ihren Produkten zu den Marktführern.
*Quellen & Lizenzen der Abbildungen: 02 Stadtarchiv Brandenburg a. d. Havel, 01, 03 – 06 Sammlung BPM
Die dunkle Seiten der Spielzeugproduktion im 19. Jahrhundert
Während der Industrialisierung leben und arbeiten Arbeiter in prekären Verhältnissen. Es ist eine traurige Tatsache, dass gerade die Spielzeugproduktion im 19. Jahrhundert einer der Gewerbezweige ist, in dem Kinderarbeit bis in die 1930er Jahre hinein eine große Rolle spielt. Statt mit Spielsachen zu spielen, müssen die Kinder sie unter widrigen Umständen selbst herstellen. Aber auch das Spielzeug selbst spiegelt kritische gesellschaftliche Entwicklungen wider. So bereitet die Kindheit um 1900 nicht nur auf hierarchische Geschlechterrollen und nationalen Militarismus vor, sondern auch auf die Unterwerfung der Menschen in den Kolonien.
Kinderarbeit in der Spielzeugindustrie
Ein Beispiel für die dunkle Seite der Spielzeugproduktion im 19. Jahrhundert ist die Kinderarbeit im thüringischen Sonneberg. Sonneberg ist zu dieser Zeit ein Zentrum der Puppenherstellung, in dem ein Drittel der gesamten deutschen Spielzeugproduktion stattfindet. Hier müssen fast alle Kinder ab einem Alter von sieben oder acht Jahren nach der Schule arbeiten. Nachtarbeit ist nichts Ungewöhnliches: Die Hälfte der ausgemergelten und übermüdeten Kinder wird bis nach elf Uhr nachts, teilweise sogar bis in die frühen Morgenstunden beschäftigt. Sie blasen Puppenaugen aus Glas, schnitzen, sortieren und verpacken, sie bemalen Puppengesichter, setzen Schlafaugen in Puppenköpfe ein, nähen oder sticken Puppenkleider.
Kinderarbeit damals und heute: Links eine junge Arbeiterin in einer Spinnerei in Cherryville, USA (1908). Rechts Mädchen in einer Baumwollspinnerei im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu (2019).
Links: Library of Congress, Prints & Photographs Division, Foto: Lewis Hine. Rechts: Terre de Hommes Deutschland, Foto: Christel Kovermann.
Aus Thüringen in die USA: Spielwarenexport
Die Puppenfabrikanten aus der Sonneberger Gegend verkaufen einen Großteil ihrer Produkte nach Nordamerika, eine Sparte mit hohen Wachstumsraten. 1876/77 beträgt der Export in die Vereinigten Staaten noch 1,3 Millionen Mark, 1879/80 ist er schon auf 2,6 Millionen Mark gestiegen. Die Vereinigten Staaten unterhalten in Sonneberg sogar eigens ein Konsulat. Die amerikanischen Einkäufer kommen regelmäßig im Frühjahr in den Tagen um die Leipziger Ostermesse herum nach Sonneberg, um bei den 48 Exporteuren zu bestellen. Sie diktieren die Preise, und die Exporteure geben den Druck an die Heimarbeitsbetriebe weiter. Denn Spielzeugproduktion im 19. Jahrhundert heißt häufig, von zuhause zu arbeiten.
Ohne Schuhe bekamen Kinder keine Lehrstelle, und auch für ein Eis reichte das verdiente Geld selten. Hintergrund: Kinder mit einem Leierkastenmann in einem Berliner Hinterhof um 1920. Vordergrund: Hölzerne Spielzeug-Eismänner aus dem Erzgebirge.
Quelle Hintergrund: Sammlung BPM, Quelle Vordergrund: Privatsammlung
Heimindustrie: Katastrophale Bedingungen in der Spielzeugbranche
Beim Einsetzen der Puppenaugen in der Wohnstube eines „Heimfabrikanten“, Sonneberger Revier zwischen 1900 und 1910. Foto: Deutsches Spielzeugmuseum Sonneberg
Quelle: Deutsches Spielzeugmuseum Sonneberg
Die Bedingungen in der Heimindustrie um 1900 sind verheerend – nicht allein für die Kinder. Spielzeugproduzenten im 19. Jahrhundert zahlen Heimarbeitern in der Anlaufphase neuer Produkte oft nur den halben Lohn, bis Menge und Qualität ihren Vorstellungen entsprechen. Außerdem zahlen sie diese Löhne eben nicht das ganze Jahr hindurch.
Von November bis Anfang März herrscht fast vollkommene Arbeitslosigkeit. Erst ab Mai belebt sich die Saison, in den Monaten Juli bis September müssen Heimarbeiter 18 bis 20 Stunden am Tag tätig sein. Nicht selten arbeiten sie die gesamte Samstagnacht durch. Der Erlös reicht kaum zum Überleben. Hinzu kommt, dass selbstständige Heimgewerbetreibende und ihre Familien weder kranken- noch unfall- oder rentenversichert sind. Ungeachtet der existenzbedrohenden Verhältnisse müssen die Hausgewerbetreibenden für jede Person, die das 16. Lebensjahr vollendet hat, den Mindestbetrag der „Klassensteuer“ entrichten. Dazu kommt das Schulgeld, dass die Kinder selbst mitverdienen müssen.
Bei den Puppenmacherinnen in Thüringen: tressieren, frisieren und Perücken aufsetzen
Quelle: Deutsches Spielzeugmuseum Sonneberg
Spielzeughersteller bringen den Kolonialismus ins Kinderzimmer
Nicht nur im Deutschen Kaiserreich selbst sind Menschen von Ausbeutung betroffen. Deutschland besitzt Ende des 19. Jahrhunderts 30 Kolonien weltweit und ist damit die drittgrößte Kolonialmacht nach Großbritannien und Frankreich. Als Spielsachen hält der koloniale Anspruch Einzug in die Spielzeugproduktion um 1900 – und so in die Zimmer der Kinder.
Ausbeutung in den Kolonien
Zu den deutschen Kolonien gehören unter anderem Gebiete in den heutigen Staaten Burundi, Ruanda, Tansania, Namibia, Kamerun, Togo und Ghana, aber auch in China, Papua-Neuguinea und einigen Inseln im Westpazifik. Die Kolonialstaaten rechtfertigen ihre Machtbestrebungen damit, den Menschen in Übersee die Zivilisation bringen zu wollen. Theorien und Konzepte mit biologisch-wissenschaftlichem Anstrich sollen den Überlegenheitsanspruch der Europäer aufgrund körperlicher und kultureller Unterschiede legitimieren.
Quelle: Sammlung BPM
Rassismus im Spielzeug
Die Kolonialisten konstruieren so eine Andersartigkeit der Kolonialisierten. Dies führt zu einer Exotisierung und Entmenschlichung der Betroffenen in den Kolonien. Zu den Folgen in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs zählen unter anderem die entwürdigenden Völkerschauen und der Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia zwischen 1904 und 1908. Das dahinter stehende Weltbild fließt in die Spielzeugproduktion ein und wird Kindern so bereits früh durch Puppen vermittelt.
Asiatische Puppe, produziert vom Puppenhersteller Armand Marseille, zwischen 1856 und 1925
Quelle: Sammlung BPM
Nichtweiße Puppen sind nicht zwingend rassistisch. Im Gegenteil: Es ist für alle Kinder eine wichtige Erfahrung, sich in ihrem Spielzeug wieder zu erkennen und so „richtig“ in der Welt zu fühlen. Nichtweiße Puppen aus der Spielzeugproduktion des 19. Jahrhunderts jedoch richten sich gezielt an weiße Kinder und reproduzieren oft Rassismus: zum Beispiel durch eine Überzeichnung der Gesichtszüge, stereotype Darstellungen und Referenzen auf herabwürdigende Kontexte.
Zum Beispiel erinnern Schwarze Puppen mit europäischen Gesichtszügen und leuchtend roten Lippen an die sogenannten Minstrel Shows, die besonders zwischen 1840 und 1870 in den USA populär sind. In diesen Shows treten weiße Darsteller dunkel geschminkt und mit leuchtend roten Lippen auf, um Schwarze Menschen lächerlich zu machen. Man spricht bei dieser Form der rassistischen Verhöhnung von „Blackfacing“.
Einfluss auf die Puppendarstellung um 1900 nimmt auch Florence Kate Uptons Kinderbuch „The Adventures of Two Dutch Dolls“ von 1895. In dieser Geschichte tritt eine Schwarze Puppe namens Golliwogg auf, die von den Minstrel Shows inspiriert ist und deren Aussehen die Autorin abwertend beschreibt. Mit zerlumpten Kleidern und widerspenstigem Haar sowie in neuer Schreibweise geht Golliwog in die Spielzeuggeschichte ein. Die deutsche Firma Steiff wird 1908 zum ersten Spielzeughersteller, der Golliwogs massenproduziert. Trotz ihrer Beliebtheit wird die Figur zum Symbol negativer Eigenschaften und im englischsprachigen Raum sogar zum Schimpfwort. So trägt der Golliwog-Trend zur Verbreitung negativer Stereotype bei.
Darüber hinaus werden Schwarze Puppen – ebenso wie die Menschen aus den Kolonien – im Kaiserreich mit diskriminierenden Fremdbezeichnungen benannt. So lernen Kinder in der Kaiserzeit früh, eine bestimmte Perspektive auf Menschen aus anderen Gruppen einzunehmen.
Exportartikel für den US-Markt: Schwarze Knaben-Puppe, hergestellt von J.D. Kestner, Waltershausen, vermutlich vor 1910
Quelle: Sammlung BPM
Das Buch zum Thema
[K]ein Kinderspiel Spielzeug als Spiegel der Industrialisierung
von Christian Arpasi, Andreas Bödecker
Gebunden, 256 Seiten, 21,5 x 22,5 cm, 250 überwiegend farbige Abbildungen
ISBN 978-3-89809-198-5
1. Auflage