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Kindheit um 1900
Kindheit um 1900 bedeutet für die Jungen und Mädchen des wohlhabenden Bürgertums, sich auf ihre Rolle in der Gesellschaft vorzubereiten. Zentral ist dabei das rollenspezifische Spielzeug: Während Mädchen mit Puppen spielen, stehen in den Kinderzimmern der Jungen Dampfmaschinen. Anders sieht es in der Arbeiterschicht aus. Dort fehlt das Geld für Spielzeug, Kinder müssen sogar oft arbeiten, um den Lebensunterhalt mit abzusichern.
Quelle: Sammlung BPM
Kindheit um 1900: Die Welt der Jungen und Mädchen
Neben traditionellen Rollenbildern entscheidet auch die soziale Schicht über die Kindheit um 1900. Auf dem Land spielen alle Kinder, ob Kinder der Gutsherrschaft oder Bauernkinder, gemeinsam draußen an der frischen Luft. Das ändert sich spätestens, sobald die Kinder der Gutsherrschaft eine höhere Schule besuchen, was in der Regel nur in einiger Entfernung von zuhause in einer Stadt möglich ist. In den Städten findet die soziale Trennung früher statt. Arbeiterfamilien und Bürgerfamilien wohnen in gesonderten Wohnvierteln. Bürger, die es sich leisten können, lassen ihre Kinder anstelle der Volksschule eine städtische oder private Bürgerschule besuchen.
Schulklasse der 106. Gemeindeschule. Fotograf und Ort unbekannt, undatiert
Quelle: Sammlung BPM
Um die Jahrhundertwende sind drei von zehn Einwohnern Preußens unter 15 Jahre alt. Alle Kinder besuchen ab dem 6. Lebensjahr die Volksschule. Für Angehörige der unteren Schichten, bis hin zum Nachwuchs der Handwerker, Lehrer und mittleren Beamten bleibt es dabei. Die Kinder verlassen die Volksschule nach acht Jahren, um entweder zu arbeiten oder eine Lehre zu beginnen. Jede Form höherer Bildung, die zur mittleren Reife oder dem Abitur führt, kostet auch an öffentlichen Schulen Schulgeld. Daher können nur 5–6 % der Jungen eine höhere Schule besuchen.
Rollenbilder um 1900: Ausbildung von Mädchen
Mädchen aus besser gestellten bürgerlichen Familien besuchen allenfalls die sogenannte „höhere Mädchenschule“, die aber nach neun Klassen ohne Abschluss endet. Erst ab 1908 werden auch für Mädchen Aufbauklassen eingeführt, die zum Abitur oder zu einer Lehrerinnenausbildung führen. Und erst ab 1908 dürfen Mädchen in Preußen auch studieren. Ein Studium ist aber ohnehin nur etwas für eine geringe Minderheit. Im Wintersemester 1911/12 sind nur 5,3 % aller Studierenden an den preußischen Hochschulen und Universitäten weiblich. Die klassischen Rollenbilder sind um 1900 noch sehr präsent.
Kochunterricht bei der Mädchenbildung. Unbekannter Fotograf, undatiert
Quelle: Sammlung BPM
*Quellen & Lizenzen der Abbildungen: 01 & 02 Sammlung BPM, 03 & 04 Privatsammlung
Kinderarbeit statt Kinderspiele
Beinahe die Hälfte aller Menschen lebt in Haushalten mit fünf oder mehr Personen. Kindheit um 1900 kann schwer sein. Eines von neun Kindern zwischen zehn und 14 Jahren muss arbeiten, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Ein Drittel von ihnen arbeitet in der Landwirtschaft. Kinderarbeit ist nichts Ungewöhnliches. In manchen Gegenden müssen über die Hälfte aller Kinder ab dem sechsten Lebensjahr arbeiten, teilweise bis tief in die Nacht. Zum Beispiel im Umkreis der thüringischen Städte Sonneberg und Waltersdorf, dem Zentrum der Puppenherstellung.
Einkommensverhältnisse der Arbeiter
60 %
der Bevölkerung in Deutschland gehören im Jahr 1880 zur unteren Einkommensschicht. Ein durchschnittlicher Arbeiter verdient gerade einmal 545 Mark.
Kinder verdienen deutlich weniger
– 71%
verdienen Kinder im Vergleich zu Erwachsenen mit einem durchschnittlichen Wochenlohn von etwa 10,50 Mark. Die Wochenlöhne für Kinder von zwölf bis 14 Jahren betragen in 1874 etwa drei Mark und die für Jugendliche von 14 bis 16 Jahren etwa fünf Mark. Auf das Jahr gerechnet sind dies maximal 240 Mark.
Welche Familien können sich Spielzeug leisten?
Auf dem Höhepunkt der Industrialisierung steigen die Einkommen der unteren Schichten deutlich an. Gleichzeitig produzieren immer mehr Hersteller billiges Massenspielzeug. Trotzdem bedeutet Kindheit um 1900 für viele Mädchen und Jungen, ohne Spielsachen auskommen zu müssen. Puppenhäuser, Spielzeugeisenbahnen & Co. bleiben vor allem etwas für die Kinder des wohlhabenden städtischen Bürgertums. Ein Arbeiter mit dem Jahreseinkommen von 784 Mark verdient bei 60 Arbeitsstunden pro Woche 25 Pfennig pro Stunde: Für ein billiges Blechspielzeug, das im Kaufhaus eine Mark kostet, muss er also vier Stunden arbeiten. Schätzungsweise haben nur zwei von zehn Kindern gekauftes Spielzeug und kaum eines von zehn ein Kinderzimmer, um darin auch zu spielen. Wenn man sieht, wie gut erhalten viele Spielzeuge aus dieser Zeit sind, kann man sich vorstellen, dass Kinder unter Aufsicht der Mutter oder eines Kindermädchens mit den Sachen gespielt haben und streng zur Ordnung und zu vorsichtigem Umgang mit den Spielzeugen angehalten wurden.
Hamburger Kinderzimmer, 1899, Atelier Johann Hamann
Quelle: Museum für Kunst & Gewerbe Hamburg. Lizenz: Public Domain
Wie sich Geschlechterrollen im Spielzeug spiegeln
In der Kindheit um 1900 orientieren sich Spielzeuge an festen Rollenbildern. Sie sollen die Kinder auf ihre geschlechtsspezifischen Aufgaben in der Gesellschaft vorbereiten. Deshalb spielen Mädchen mit Puppen und Puppenstuben. Sie lernen mit Spielzeug-Nähmaschinen Kleidung herzustellen oder üben an Puppen-Küchen das Kochen. In Puppen-Schulen können sie sich spielerisch auf den einzigen qualifizierten Beruf vorbereiten, den Mädchen ergreifen können, den der Lehrerin.
Niklas Rietz präsentiert sein Lieblingsobjekt aus der Sonderausstellung „[K]ein Kinderspiel“.
Das männliche Rollenbild sieht anders aus: Jungen spielen in erster Linie mit geschlechtsspezifischen Spielwaren wie Eisenbahnen, Dampfmaschinen, Autos oder Baukästen – mit technischem Spielzeug also, das sie auf die künftige Berufswelt einstimmt. Natürlich machen auch die Militarisierung und die Reservistenzeit der Väter nicht Halt vor den Kinderzimmern. Die Wehrpflicht dauert sieben Jahre, in der Regel bestehend aus drei Jahren Militärdienst und vier Jahren Reservezeit. Kein Wunder also, dass das Militär eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielt – und Spielzeugsoldaten und Kanonen in großer Zahl im Kinderzimmer anwesend sind.