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Reisen
Das Reisen erlebt in der Kaiserzeit einen enormen Aufschwung. Grund hierfür ist die Technik, die sich im 19. Jahrhundert rasant entwickelt. Den Menschen stehen plötzlich neue Verkehrs- und Transportmittel zur Verfügung: Eisenbahnen und Dampfschiffe ermöglichen erstmals ein schnelles, komfortables Reisen und kurze Aufenthalte weit weg von zuhause. Die Geschichte des modernen Tourismus nimmt mit dem Reisen in der Kaiserzeit ihren Anfang.
Familienurlaub an der Ostsee, 1912, Sammlung BPM
Tourismus und Reisen in der Kaiserzeit
Reine Erholungs- und Vergnügungsreisen sind erst seit dem 19. Jahrhundert üblich. Das liegt aber nicht allein an der erhöhten Mobilität der Bürger durch neue Technologien. Mit der modernen Arbeit in den großen Betrieben der Ballungszentren und der damit einhergehenden Freizeit wächst der Wunsch der Menschen nach einer temporären Auszeit.
Allerdings bleibt das Reisen in der Kaiserzeit zunächst privilegierten Bürgerkreisen vorbehalten, die Zeit und Mittel für einen solchen Urlaub aufbringen können. Und auch ein Familienurlaub ist eine solche Fahrt meist nicht. Hausangestellte betreuen zuhause die Kinder, während die Eltern verreisen. In anderen gesellschaftlichen Schichten bleiben Tourismus und längere Reisen bis weit nach der Mitte des 19. Jahrhunderts ein unerreichbarer Luxus, schon weil es keine geregelten Urlaubszeiten gibt.
Grüße von unterwegs: Postkartenansichten
Mit der Erfindung der Urlaubsreise Ende des 19. Jahrhunderts tritt die Ansichtskarte ihren Siegeszug an. Beliebte Motive sind Badeorte, Kurorte, berühmte Landschaften und Sehenswürdigkeiten.
*Quellen & Lizenzen der Abbildungen: 01 – 17 Sammlung BPM
Wohlhabende Bürger fahren an die See, einfache Leute ins Freibad – die Anfänge des Tourismus
Deutschland führt den ersten gesetzlich geregelten Urlaubsanspruch im Jahr 1873 mit dem Reichsbeamtengesetz ein. Er gilt aber ausschließlich für Beamte und ist in seiner Länge nicht näher definiert. Bezahlten Urlaub haben bis zur Jahrhundertwende nur die wenigsten Arbeitnehmer. Arbeiter müssen sich daher mit Tagesausflügen am Wochenende begnügen, um den Städten zu entfliehen. Wohlhabende Bürger fahren an die See, einfache Leute ins Freibad: Dies ändert sich erst allmählich mit der Einführung des Zehn-Stunden-Arbeitstages und dem Verbot der Sonntagsarbeit im Jahr 1891. Nun haben immer mehr Menschen Freizeit – und so auch Zeit für eine Urlaubsreise.
Foto einer Familie auf Juist, 1913 (im Vordergrund das Spielzeugmodell eines Freibades, Erzgebirge, um 1910)
Quellen: Sammlung BPM (Hintergrund), Privatsammlung (Vordergrund)
Sehnsucht nach Natur
Das rasante Wachstum und der Schmutz, Lärm und Gestank der Städte im Rahmen der Urbanisierung bereitet den Menschen zunehmend Unbehagen. Die Natur gewinnt plötzlich an Reiz, vor allem das Meer und die Berge, deren Gewalten bisher eher als Bedrohung wahrgenommen wurden. Mit dem schrittweisen Ausbau von Stränden, Wanderwegen, Bergbahnen und Gasthäusern verliert die Umwelt jedoch ihre Bedrohlichkeit. Beliebte Ziele für das Reisen in der Kaiserzeit sind poetisch aufgeladene Landschaften wie das Mittelmeer und Italien, die Nord- und Ostsee, die Alpen, der Rhein oder der Harz.
In den 1890er Jahren nahmen der Rudersport sowie das Sportvereinswesen insgesamt Aufschwung.
Die Berliner verbringen ihre Wochenenden um 1900 mit Exkursionen an die umliegenden Seen und den Spreewald. Ruder- und Segelklubs entstehen und die ersten Fußballvereine organisierten Sport an frischer Luft und gemeinsame Ausflüge.
Die Sommerfrische: Urlaub von der Stadt
Mit der neuen Sehnsucht nach der Natur entsteht um die Jahrhundertwende eine neue, typisch bürgerliche Reiseform: die Sommerfrische. Bei diesem Reisetrend tauscht man die Stadtwohnung für einige Wochen mit einem Gasthof oder einem Privatzimmer in ländlicher Umgebung. Oft sind diese Sommerunterkünfte nur wenige Stunden vom Wohnsitz entfernt. Im Vordergrund steht bei dieser Form des Reisens die Erholung der Familie und nicht die Teilnahme am Vergnügungsbetrieb oder gesellschaftlichen Veranstaltungen. Die Seebäder an der Nord- und Ostsee verdanken dieser Entwicklung ihren Aufschwung. Im Gegensatz zu den Auslandsreisen der großbürgerlichen Oberschicht sind es hier häufig die Väter, die zumindest unter der Woche zu Hause bleiben, um zu arbeiten und nur an den freien Wochenenden zur Familie stoßen.
Der Hamburger Unternehmer Henry B. Simms in der Klobensteiner Sommerfrische, Lovis Corinth, 1910
Quelle: Wikimedia, Lizenz: Public Domain
Beginnender Massentourismus
Das 19. Jahrhundert ist auch das Jahrhundert des beginnenden Massentourismus. Die erste Pauschalreise in der Geschichte des Tourismus bietet 1841 der englische Unternehmer Thomas Cook an. Er organisiert dazu eine Zugreise von Leicester nach Loughborough für 571 Teilnehmer. Dabei ist auch für Unterhaltung und das leibliche Wohl gesorgt: Rosinenbrötchen, Tee und Blasmusik sind inklusive. Cook lässt sich hier nicht nur von unternehmerischen Gedanken leiten, sondern verfolgt auch eine philanthropische Idee. Mit der neuen Form des Tourismus um 1900 will er den Angehörigen der Arbeiterschaft eine „vernünftige Erholung“ ermöglichen, also Urlaub vom mühsamen Alltag.
Frontansicht des Prospekts von Carl Stangen, 1895 (A*)
Anzeige der Deutschen Levante-Linie und Carl Stangens Reisebüro für Seereisen ans Mittelmeer und den Orient, 1904 (B*)
Zeichnung des Sitzes von Stangen’s Reisebureau,
unbekannter Künstler, um 1895 (C*)
*Quellen & Lizenzen der Abbildungen: A & C Wikpedia, Public Domain, B Wikimedia
Reisemöglichkeiten für Arbeiter
Auch in Deutschland entwickelt sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts diese Art von Sozialtourismus. Gewerkschaften und Wohltätigkeitsvereine organisieren Wander- oder Radtouren für Werktätige. Der „Centralverein für das Wohl der arbeitenden Klassen“ ermöglicht Arbeitern und Gewerbetreibenden als Urlaub sogar Auslandreisen und organisierte Fahrten zu den Weltausstellungen in Paris (1867), Wien (1873) und Philadelphia (1876). So wird das Reisen in der Kaiserzeit auch für Arbeiter erschwinglich.
Viktor Röstel präsentiert sein Lieblingsobjekt aus der Sonderausstellung „[K]ein Kinderspiel“
Reisen made in Germany: die Kreuzfahrt
Der „Imperator“ der HAPAG beim Auslaufen auf der Elbe vor Altona, 1913, davor ein Blechmodell des Schiffs der Firma Karl Rosenbaum von um 1914
Quellen: Firmenarchiv Hapag-Lloyd AG (Foto), Sammlung BPM (Blechmodell)
Die Kreuzfahrt ist eine deutsche Erfindung. Die Idee dazu kommt Albert Ballin, dem legendären Generaldirektor der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG). Da die meisten Transatlantikdampfer der HAPAG im rauen Winter still liegen, nutzt er die Gelegenheit, um mit einem davon eine Mittelmeerkreuzfahrt zu organisieren. Seine erste Kreuzfahrt findet vom 22. Januar bis zum 21. März 1891 auf der „Augusta Victoria“ mit 241 Passagieren statt. Die Reise ist ein großer Erfolg und markiert den Beginn des Kreuzfahrtgeschäfts. Anfangs sind die Möglichkeiten zur Erholung und Abwechslung an Bord noch begrenzt, da nicht alle Decks für die Passagiere zugänglich sind.
Außerdem können die Kabinen der Linienschiffe den Ansprüchen des elitären Publikums häufig nicht gerecht werden. Daraufhin gibt Ballin ein reines Kreuzfahrtschiff in Auftrag: die „Prinzessin Victoria Luise“, die am 29. Juni 1900 vom Stapel läuft. Das Schiff ist im Stil einer Privatjacht gestaltet und hat 120 Kabinen mit eigenem Bad und eigener Toilette. Hinzu kommen ein Fitnessraum und eine Bibliothek. Der Tourismus um 1900 nimmt sprichwörtlich Fahrt auf: Bald schon folgen weitere Schiffe und das Angebot der Reisen in der Kaiserzeit erweitert sich mit den Nordlandfahrten, Reisen ins Schwarze Meer und sogar Kreuzfahrten in die Karibik.
Die modernen Schiffe dienten auch zum Transport: Hier Zwischendecker (Auswanderer) auf dem Vorschiff des „Imperators“
Quelle: Firmenarchiv Hapag-Lloyd AG
Kreuzfahrten und Zeppelinflüge: Luxus für wenige
Prospekt für Zeppelin-Reisen der Hamburg-Amerika-Linie (HAPAG) vom Sommer 1913. Ein Ticket für den ersten Rundflug mit einem Zeppelin, 1910 in Baden-Baden, kostete 200 Mark, zwei-einhalb Monatslöhne eines Durchschnittsarbeiters.
Quelle: Sammlung BPM
Obwohl das Reisen in der Kaiserzeit einen großen Aufschwung nimmt, bleibt es auf Grund der Einkommensverteilung auf eine winzige Oberschicht beschränkt. Die Tickets für die erste Mittelmeer-Kreuzfahrt der HAPAG 1891 kosten zwischen 1.600 und 2.400 Mark. Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Industriearbeiters 1891 liegt gerade einmal bei 650 Mark, 1911 überschreitet es die Grenze von 1.000 Mark. 200 Mark kostet 1910 in Baden-Baden ein zweistündiger Rundflug mit dem ersten Passagier-Zeppelin LZ 11 „Viktoria Luise“. Auch nach einem 20 Jahre währenden wirtschaftlichen Aufschwung verdienen selbst 1912 nur 1,22 Prozent der preußischen Bevölkerung über 9.500 Mark im Jahr. Tourismus um 1900 bleibt also zunächst ein Luxus für wenige: Der weitaus größte Teil der Gesellschaft, die Arbeiter und Kleinbürger, müssen sich mit einem Sonntagsausflug begnügen oder können allenfalls Kurzreisen in die nähere Umgebung ihrer Wohnorte unternehmen.
Podcast zum Reisen in der Kaiserzeit
Spannende Infos rund ums Reisen in der Kaiserzeit gibt es auch in unserem Podcast „Preußisch Blau“, Folge #5: „Sommerfrische und Feierabend – Freizeit und Reisen in der Industrialisierung“.