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Freizeit
Durch die neuartige Fabrikarbeit im 19. Jahrhundert ergibt sich erstmals eine strikte Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz mit festgelegten Arbeitszeiten. Letztere betragen Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst durchschnittlich 80 bis 85 Wochenstunden. Als sich um 1900 die Arbeitsbedingungen langsam verbessern, bleibt im Leben der Arbeiter Raum für Privates: Die Idee der Freizeit entsteht – und mit ihr die Vergnügungskultur.
Hamburger Dom (Volksfest), Postkarte, um 1910, Sammlung BPM
Entstehung der Freizeit um 1900
Die Städte wachsen im 19. Jahrhundert rasant: Millionen von Menschen strömen auf der Suche nach Arbeit in die urbanen Ballungsgebiete. Es kommt zu einer Urbanisierung um 1900. Damit verändert sich in der Gesellschaft die Art zu arbeiten, aber auch zu wohnen. Auf dem Land bilden die Familie und der bäuerliche Betrieb eine Einheit, man wohnt und arbeitet zusammen. In der Stadt hingegen geht man zur Arbeit in die Fabriken, Büros und Geschäfte und wohnt in Mietwohnungen, oft weit entfernt von der Arbeitsstelle. Dadurch sind Arbeit und frei zur Verfügung stehende Zeit strikter voneinander getrennt als in den vorangegangenen Jahrhunderten.
Arbeiter verlassen das Leitzwerk in Wetzlar/Oskar Barnack, ca. 1915
Quelle: DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum
Nach und nach entsteht so der Freizeitbegriff. Allerdings haben Arbeiter um 1850 zunächst nur wenig Freizeit. Der Grund: Lange Arbeitszeiten von bis zu 90 Wochenstunden. Gleichzeitig sorgt die zunehmende Industrialisierung für neue Arbeitsmöglichkeiten und höhere Löhne in den städtischen Fabriken. In der Folge kommt es zu einer drastischen Landflucht. Immer mehr Menschen ziehen vom Land in die Städte.
Erholung von der harten Fabrikarbeit
Die spärliche Freizeit reicht Mitte des 19. Jahrhunderts für viele kaum aus, um Freizeitaktivitäten nachzugehen – geschweige denn, sich von der kräftezehrenden Arbeit in den Betrieben zu erholen. Zusammen mit den niedrigen Löhnen führt dies zu immer schwerwiegenderen sozialen Missständen in der Arbeiterschicht. Erst nachdem sich die Arbeiter schrittweise organisieren und beginnen, engagierte Arbeitskämpfe zu führen, setzt sich allmählich der Zehn-Stunden-Arbeitstag durch. Einen Meilenstein stellt im Jahr 1891 die Änderung der Gewerbeordnung dar, mit der arbeitsfreie Sonntage eingeführt werden.
Solidaritätspostkarte zum Streik in Crimmitschau, 1904
Quelle & Lizenz: Deutsches Technikmuseum, Public Domain
Um die Jahrhundertwende herum arbeitet man mit 60 Wochenstunden bereits deutlich weniger als in vergangenen Jahrzehnten. Einige Firmen führen sogar schon den Achtstundentag ein. Zu ihnen gehören die Holzpflasterfabrik Freese in Berlin (1891/92), das Zeiß-Werk in Jena unter Ernst Abbe (1900) und Bosch (1904). Die Menschen haben nun zunehmend Zeit, sich zu entspannen und für Ausgleich zu sorgen. In allen Schichten entwickelt sich das Bedürfnis nach Freizeitvergnügen oder einem erholsamen Wochenende im Grünen. So entsteht um 1900 der Begriff der Freizeit.
Vergnügungskultur der Kaiserzeit
Mit der Entstehung der Freizeit um 1900 entfaltet sich in den urbanen Ballungszentren eine ausgeprägte Vergnügungskultur. Hier befinden sich nicht nur ein kreatives Milieu und ein vielschichtiges Publikum, sondern auch ausreichend Kapital und die nötige Infrastruktur wie Transport- und Kommunikationswege. Ein Großteil der Vergnügungs- und Freizeitangebote verlagert sich in die Innenstädte. So entwickeln sich mit der Freizeit regelrechte Vergnügungsviertel mit Tanzveranstaltungen, Theatern und Varietés, wie entlang der Friedrichstraße in Berlin. Aber auch in den grünen Randgebieten finden geplagte Großstädter Abwechslung und Zeitvertreib. Zahlreiche Ausflugslokale und Unterhaltungsbühnen locken hier regelmäßig Wochenendausflügler an.
Ausflüge und Rundfahrten für geplagte Großstädter
An einem schönen Samstag im Sommer 1913 unternimmt Herr Ludwig Sagenkouls (Foto unten, in der Mitte stehend) mit seiner Gattin einen Ausflug in Berlin. Der Ausflug findet in einem übergroßen „Cabrio“ der Firma Käse’s Rundfahrten statt. Vor dem Café Schön posiert die Reisegruppe dann für ein Erinnerungsfoto. Aktivitäten dieser Art spiegeln sich auch im Spielzeug der Zeit.
Erzgebirgs-Spielzeug, 1910 vs. Ausflugsbus der Firma Käse – Gruppenfoto einer Stadtrundfahrt durch Berlin, H. Noack, 1913
Quellen & Lizenzen: Privatsammlung (linke Abbildung), Volkskunde- und Freilichtmuseum Roscheider Hof (rechte Abbildung – Lizenz: Public Domain)
Freizeitvergnügen in den Städten: Die Nacht wird zum Tag
Möglich werden die modernen Vergnügungsviertel durch die voranschreitende Elektrifizierung. Diese erlaubt Amüsement an allen Tagen der Woche – bis spät in die Nacht hinein. Gleichzeitig erobert aufregende Lichtwerbung die Großstädte. 1896 erhellt die erste Leuchtreklame am Spittelmarkt das Berliner Nachtleben. Für besonderes Aufsehen sorgt im Jahr 1912 eine große Lichtwerbung, die den Himmel über der Friedrichstraße in Berlin erstrahlen lässt. Die Sektmarke Kupferberg Gold inszeniert sich damit auf 60 Quadratmetern und mit 1.600 Glühlampen. Das Motiv: Eine Sektflasche und ein sich langsam füllendes Sektglas. Hinter dieser aufregenden Kulisse entstehen mit der Freizeit um 1900 auch die moderne Vergnügungskultur und die Unterhaltungsindustrie.
Vergnügungshallen der Großstädte
*Quellen der Abbildungen: 02 – 04 Wikimedia, 05 Bundesarchiv, 06 Flickr, 08 Jan Willemsen; Lizenzen der Abbildungen: 01 – 04, 06 – 07 & 09 Public Domain, 05 CC-BY-SA 3, 08 CC BY-NC-SA 2.0 Deed
Berlins Aufstieg zur Metropole
Besonders rasant entwickeln sich Vergnügungskultur und Freizeit um 1900 in Berlin. Davon ist Mitte des 19. Jahrhunderts noch nichts zu spüren: Mit gerade mal 446.000 Einwohnern ist Berlin zwar die größte preußische Stadt, aber nicht einmal annähernd mit Millionenstädten wie London oder Paris vergleichbar. Das ändert sich in wenigen Jahrzehnten. Zur Jahrhundertwende zählen Berlin und die angrenzenden Städte wie Charlottenburg und Rixdorf, das spätere Neukölln, bereits 2,5 Millionen Einwohner. Damit ist der Ballungsraum das viertgrößte Stadtgebiet der Welt. Berlin steigt zur Metropole auf und bietet dem Publikum Freizeitvergnügen auf höchsten Niveau.
Auf der Friedrichstraße steppt der Bär
Ein Beispiel für die zunehmende Vergnügungskultur in Berlin um 1900 ist die Friedrichstraße. Sie entwickelt sich zu einem lebendigen und bedeutenden Ausgehviertel, das für sein pulsierendes Leben, seine Cafés, Theater und Nachtclubs bekannt ist. Als Zentrum des urbanen Lebens zieht sie Menschen aus allen Gesellschaftsschichten an.
Reiseführer aus der Zeit widmen sich dem Vergnügungsleben der Reichshauptstadt in aller Ausführlichkeit und malen ein buntes Bild der Freizeit um 1900. Vergnügungswillige finden darin alle wichtigen Details zu den unterschiedlichsten Veranstaltungsorten wie Konzert- und Opernhäusern, Theatern, Varietés und Kinos, aber auch zu Kabaretts, Zirkussen, Eispalästen, Tanz- und Ballsälen, Vergnügungsparks und Sportarenen. Bars und Biergärten, Restaurants, Nachtcafés finden ebenfalls Erwähnung. Wem der urbane Trubel zu viel wird, kann in den Randgebiete auf Biergärten und Sommertheater ausweichen. Die Freizeit kann kommen.
Plakatkunst und Freizeit um 1900
Für die vielfältigen Zerstreuungen werben die Veranstalter mit teils aufwändig gestalteten Plakaten. Sie sind ein sichtbarer Ausdruck der neuen, modernen Ästhetik und stehen für den Aufbruch in eine neue Ära des Designs.
Entspannung im Grünen
Vielen geht es bei der Gestaltung der Freizeit um 1900 auch um Erholung. Eine weitere Möglichkeit, dem Großstadtleben zu entfliehen, sind Reisen und Gartenkultur. An den Rändern der Städte gibt es viele Schrebergärten und Laubenkolonien für Arbeiterfamilien, gefördert durch die Vaterländischen Frauenvereine vom Roten Kreuz oder durch die Arbeitgeber, allen voran die Eisenbahn. Hier können sie eine kurze Auszeit von der anstrengenden Arbeit in den Industriebetrieben genießen und der Enge und dem Lärm der Mietskasernen zumindest am Samstagabend und Sonntag entfliehen.
Kleingarten in der Arbeitersiedlung Borsigwalde, Berlin-Reinickendorf, um 1900 (unbekannter Fotograf)
Quelle: Stiftung Deutsches Technikmuseum
Großveranstaltungen um die Jahrhundertwende
Start des Sechstagerennens im Sportpalast, 1932 (unbekannter Fotograf)
Quelle & Lizenz: Bundesarchiv, Bild 102-13120, CC-BY-SA 3
Freizeit um 1900 wird zum Gemeinschaftserlebnis und zur regelrechten Massenkultur. Einzelne Veranstaltungen ziehen Tausende von Menschen an. Das zeigt sich an einem neuen Typus von Veranstaltungsorten: Großveranstaltungshäuser und Multifunktionsarenen. Diese Veranstaltungsorte bieten Platz für bis zu 10.000 Besucher.
Hier finden unter anderem beliebte Sportveranstaltungen statt wie das berühmte Sechstagerennen. Diese Veranstaltung vereint Radsport mit einem Unterhaltungsprogramm. Austragungsort sind zunächst die Ausstellungshallen am Zoologischen Garten, später der Sportpalast. Schon beim ersten Rennen am 15. März 1909 erwartet ein Reporter des Berliner Tageblattes, dass „sich Tausende in dem improvisierten Wintervelodrom der Ausstellungshalle am Zoo versammeln, um dem Beginn des Sechstagerennens beizuwohnen“.
Frontansicht der Fahrer des Sechstagerennens im Sportpalast, 1922 (unbekannter Fotograf)
Lizenz: Public Domain
Spielzeuge passend zum Freizeitvergnügen
*Quellen der Spielzeuge: 01, 05, 08 & 09 Sammlung BPM, 02 Sammlung A. Bödecker, 03 Sammlung F. Dierchen, Deutsches Technik Museum Berlin, 04, 06 & 07 Privatsammlung; Abbildungen: BPM
Automobilrennen: Sport als Event
Sportevents stehen bei der Freizeitgestaltung um 1900 fest auf dem Programm. Neben dem Radsport gewinnt auch der Motorsport an Beliebtheit. Die Herkomer-Konkurrenz ist das erste Tourenwagen-Rennen der Welt. Sie wird 1905 in Deutschland ausgetragen. Die über 973 Kilometer lange Strecke führt durch Süddeutschland: von München über Augsburg, Tübingen, Baden- Baden, Stuttgart, Nürnberg und Regensburg zurück nach München.
Aufnahme des Gordon-Bennett-Autorennens, Fotograf: Julius Neubronner, 1904
Quelle: DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum
Eine weitere Motorsportveranstaltung ist die Prinz-Heinrich-Fahrt, die erstmals 1908 veranstaltet wird. Die 2.200 Kilometer lange Strecke führt die Teilnehmer von Berlin nach Norddeutschland durch das Rhein-Main-Gebiet und schließlich nach Trier und Frankfurt am Main. Auch hier säumen tausende Schaulustige die Strecke und sehen sich das Bergrennen und die Schnelligkeitsprüfungen an.
Der Start zur ersten Prinz-Heinrich-Fahrt 1908, einem der ersten Tourenwagenrennen in Deutschland. Am Start ein hölzerner Spielzeug-Rennwagen aus dem Erzgebirge.
Quelle Foto und Spielzeug: Sammlung BPM
Der jüngere Bruder des Kaisers und Namensgeber des Rennens, Prinz Heinrich, ist selbst begeisterter Automobilist und fährt bei den Rennen mit. Außerdem stiftet er den 13,5 Kilogramm schweren Siegerpokal aus Silber. Der Reiz von Vergnügungskultur und Freizeit um 1900 macht eben auch nicht vor dem Hochadel halt.