2

Raum

Mensch & Maschine

Mit der industriellen Revolution ändert sich das Leben und Arbeiten in Europa grundlegend. Technische Innovationen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts führen zur Industrialisierung bisher ländlich geprägter Staaten. Menschen leben zunehmend im Takt der Maschinen. Bildete die Familie bis zu diesem Zeitpunkt in allen Lebensbereichen noch eine Einheit, ändert sich das in den städtischen Ballungsgebieten radikal.

Ein Arbeiter mit ärmellosem Hemd zieht mit einem unterarmlangen Maulschlüssel die Schrauben einer großen Maschine fest.

Quelle: Wikimedia, Lizenz: Public Domain

Beginn der industriellen Revolution

Die industrielle Revolution führt in Europa zu gewaltigen gesellschaftlichen Umbrüchen. Ursache hierfür ist der Übergang von der handwerklichen Fertigung zur maschinellen Massenproduktion. Ihren Anfang nimmt die Industrialisierung im England des 18. Jahrhunderts. Die Engländer machen elementare Erfindungen, die zu einer höheren und effizienteren Produktion führen. Dazu zählen die wassergetriebene Spinnmaschine, die Dampfmaschine und der mechanische Webstuhl. Erfindungen, die zu einer schnelleren und höheren Produktion führen.

Von der Dampfmaschine bis zum mechanischen Webstuhl: Technik der Industralisierung

Stich mit dem Aufriss einer Maschine.
1711
Thomas Newcomen baut die erste atmosphärische Dampfmaschine

Als der Eisenhändler Thomas Newcomen von Wasserproblemen in englischen Minen erfährt, kommt er auf eine Idee: Er entwickelt eine neuartige Dampfmaschine, in der Kraft durch ein Vakuum erzeugt wird.

Abbildung: Dampfmaschine nach Newcomen, unbekannter Künstler, 1747 (01*)

Stich eines Holzgestells mit Handkurbel und vielen Garnspulen. Beschriftung im Bild: Woollen Manufacture. Spinning Jenny. Plate II.
1764
James Hargreaves entwickelt die erste Spinnmaschine

Die sogenannte „Spinning Jenny“ ist noch von Hand betrieben und kann bis zu 20 Fäden gleichzeitig spinnen.

Abbildung: Spinning Jenny/Wilson Lowry, 1811 (02*)

Eine technische Zeichnung der der Boulton & Watt-Maschine als Aufriss.
1769
James Watt meldet seine Niederdruck-Dampfmaschine zum Patent an

Mit seiner Optimierung der Dampfmaschine von Newcomen sorgt der Erfinder James Watt für eine deutlich höhere Effizienz mit geringerem Verbrauch.

Abbildung: Dampfmaschine von Boulton & Watt/Thomas Wicksteed, 1842 (03*)

Ein hölzernes Gestell mit mehreren Spindeln, Spulen und Zahnrädern, die durch eine Kurbel angetrieben wurden.
1769
James Arkwright erfindet die erste wassergetriebene Spinnmaschine

Der gelernte Perückenmacher und Textilindustrielle James Arkwright meldet die „Water Frame“ (dt. Wasserrahmen) zum Patent an. 

Abbildung: Spinnmaschine von Sir Richard Arkwright, England, 1775, ©The Board of Trustees of the Science Museum (04*)

Besucher in der Fabrik begutachten einen Kraftwebstuhl. Beschriftung im Bild: W.G. Taylors Patent Pwer Loom Calico Machine. Obtained the Prize Medal 1862.
1784
Edmund Cartwright konstruiert einen mechanischen Webstuhl

Mit dem „Power Loom“ (dt. Kraftstuhl) stellt Cartwright zum einen die erste dampfkraftbetriebene Webmaschine vor, zum anderen die erste automatische Webmaschine für breite Gewebe überhaupt.

Abbildung: Besucher bestaunen einen Powerloom/unbekannter Künstler, ca. 1862 (05*)

*Lizenzen für die Abbildungen 01, 02, 03, 05: Public Domain (gemeinfrei), für 04: Open Government Licence

Wirtschaftliche Vormachtstellung Englands

Vor allem die Dampfmaschine wird zum sichtbaren Symbol der industriellen Revolution. Um 1800 sind in England schon rund 5.000 Dampfmaschinen in Betrieb. In Preußen dagegen sieht es ganz anders aus: Gerade einmal rund ein Dutzend Exemplare sind hier im Einsatz. Die wirtschaftliche Vormachtstellung Englands ist den Nachbarstaaten, vor allem Frankreich, seit Langem ein Dorn im Auge. Da Napoleon England nicht militärisch besiegen kann, beginnt er einen Wirtschaftskrieg. Im Jahr 1806 verhängt er in Berlin eine Wirtschaftsblockade gegen Großbritannien – die Kontinentalsperre.

Schließlich wird die Kontinentalsperre 1813 aufgehoben. Die günstigen, industriell hergestellten englischen Garne und Stoffe überschwemmen auf einmal die europäischen Märkte. Die dramatische Folge: Die Weber in Schlesien und in anderen Regionen hungern, und ihre Familien einschließlich der Kinder arbeiten 16 Stunden am Tag. Mit der Maschinenproduktion können sie jedoch nicht mithalten. Die industrielle Revolution in England führt zu neuem Elend in Deutschland.

Ölgemälde eines großen Feldes oder Platzes, auf dem sich zahlreiche französische Soldaten um ein großes Feuer gescharrt haben. Dies ist halb von der Szene im Vordergrund verdeckt, in der ein Soldat die mit einem Karren herangeschafften Textilien hervorzerrt und zur Verbrennung weiterreicht.

Französische Soldaten verbrennen englische Waren (Johann Carl Wilck, 1810). Foto: Horst Ziegenfusz

Quelle: Historisches Museum Frankfurt, Lizenz: CC-BY-SA

Beginn der Industrialisierung in Deutschland

Mit der industriellen Revolution in Großbritannien mitzuhalten, erweist sich als schwierig. England schützt seinen technischen Vorsprung durch Ausfuhrbeschränkungen für Maschinen und durch Ausreiseverbote für technisches Fachpersonal. Bei Zuwiderhandlungen drohen hohe Strafen. Trotzdem kommt das technische Wissen aus England langsam nach Deutschland: durch Industriespionage, illegale Abwerbung englischer Experten oder Schmuggel und Kopieren englischer Maschinen.

Die erste Dampfmaschine in Preußen

Zu denjenigen, die die Industrialisierung nach Deutschland bringen wollen, gehört Friedrich II., der König von Preußen. Für die preußischen Bergwerke werden Dampfmaschinen benötigt, mit denen zukünftig das Grubenwasser abgepumpt werden soll. Deshalb schickt er im Jahr 1778 zwei Spione nach England: den aus Neuruppin stammenden Bergbauingenieur Carl Friedrich Bückling und den Oberbergrat Freiherr Waitz von Eschen. Die beiden sollen die Konstruktionspläne für die Dampfmaschine des Ingenieurs und Erfinders James Watt ausspionieren. 

Das gelingt ihnen aber nicht auf Anhieb. Carl Friedrich Bückling muss zu einer weiteren Spionagereise aufbrechen. Nach sieben Jahren intensiver Arbeit und zahlreichen Rückschlägen ist es endlich soweit: 1785 geht die erste Dampfmaschine in Preußen in Betrieb, im König-Friedrich-Schacht bei Burgörner am Ostrand des Harzes. Nur ein Jahr später stirbt Friedrich der Große. Sein Nachfolger, König Friedrich Wilhelm II., ernennt Bückling 1791 zum Oberbergrat und zum Leiter des Maschinenwesens im königlichen Bergwerks- und Hüttendepartment.

Deutsche Industriespionage im großen Stil

Ein Mann, in der Mode der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gekleidet, sitzt lässig auf einem Stuhl und blickt in die Ferne. In der rechten Hand hält er einen Brief. Im Anschnitt ist ein Schreibtisch voller Papiere zu sehen.

Eberhard Hoesch (1790–1852), unbekannter Künstler, vor 1850

Quelle: Wikimedia, Lizenz: Public Domain

Derweil versuchen immer mehr preußische Unternehmen, die neue Technologie – und damit die industrielle Revolution – nach Deutschland zu bringen. Der Stahlunternehmer Eberhard Hoesch reist nach England, um das englische Geheimnis der Gussstahlherstellung auszuspionieren. Dazu muss er sich ganze neun Stunden lang in einem erkalteten Hochofen vor der englischen Polizei verstecken. 

Auch der Essener Stahlproduzent Alfred Krupp versucht, die englische Gussstahltechnik auszuspähen. Er reist mehrfach unter falschem Namen nach England, bis er dort unter den Stahlherstellern durch Steckbriefe bekannt wird. Weitere prominente Industriespione sind der Neuruppiner Architekt Karl Friedrich Schinkel und der Beamte Peter Beuth, Begründer des Königlichen Gewerbeinstitutes (Vorläufer der Technischen Hochschule Charlottenburg).

Porträt von Alfred Krupp in älteren Jahren.

Alfred Krupp (1812–1882), unbekannter Fotograf, undatiert

Quelle: Wikimedia, Lizenz: CC-BY-SA

Die neue Technologie etabliert sich in Deutschland

Im 19. Jahrhundert entsteht durch die industrielle Revolution eine eigene Maschinenbauindustrie in Deutschland. Im Jahr 1910 sind allein in Preußen 88.187 stehende und 36.721 mobile Dampfmaschinen einschließlich Schiffsmaschinen in Betrieb. Dazu kommen 19.670 Dampflokomotiven bei den preußischen Eisenbahnen, fast alle aus einheimischer Herstellung. Sie sorgen für neue Mobilität in Deutschland.

Lokomotivhalle der Firma August Borsig um 1900 mit Märklin Spirituslok R 4001

Foto: Deutsches Technikmuseum; Märklin Spirituslok: Sammlung BPM

Wachsende Ballungsräume und die neue Arbeiterschicht

Familien im Judenhof des Hamburger Gängeviertels/Paul Wutcke, 1902

Quelle: Wikimedia, Lizenz: Public Domain

Die industrielle Revolution zieht die Menschen in die schnell wachsenden Städte. Zudem kommt es zu einem starken Bevölkerungswachstum. Während Essen im Jahr 1800 kaum 4.000 Einwohner zählt, sind es hundert Jahre später bereits eine halbe Million. Auch Berlin dehnt sich in kürzester Zeit aus. Seine Bevölkerung wächst von 172.000 Menschen im Jahr 1800 auf 1,9 Millionen im Jahr 1900. Die zehn größten Städte in Deutschland wachsen im 19. Jahrhundert im Durchschnitt um das 14-fache. 

Um 1800 leben noch acht von zehn Menschen auf dem Land und direkt und indirekt von seinen Erzeugnissen. Ob Gutsherr oder Kleinbauer, das Leben und die Arbeit der Familie bilden eine Einheit: Man wohnt und arbeitet zusammen. Das ändert sich in den Städten radikal. Dort ist Wohnraum knapp und teuer. Arbeiterfamilien leben mit vier bis acht Kindern in ein oder zwei Zimmern in einer Mietskaserne mit engen Hinterhöfen: Folgen der Urbanisierung

Wohnen und arbeiten in der Stadt

Viele Familien sind dazu gezwungen, einen sogenannten „Schlafburschen“ einzumieten. Dieser benutzt Bett und Wohnraum nur für wenige Stunden am Tag, während die Hauptmieter in den Fabriken tätig sind. Im Gegensatz zum Bürgertum müssen in den Arbeiterfamilien oft beide Elternteile arbeiten, um die Familie durchzubringen. Wenn die Eltern nicht das Glück haben, in einer Werkssiedlung zu wohnen, müssen sie zudem lange Fußwege zu ihrer Arbeitsstätte zurücklegen.

In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine.
Quote 32px
Karl Marx, Wirtschaftswissenschaftler

Oft sind die Arbeiter sechs Tage die Woche für mehr als zwölf Stunden täglich abwesend. Ihr Leben wird jetzt vom Takt der Maschinen bestimmt. Die Sirene und die Maschinen in den Betrieben regeln Beginn, Pause und Ende der Arbeit. Für die Kinder ist in der Wohnung schon kaum Platz zum Schlafen, viel weniger zum Spielen. Im Hausflur und auf den Höfen sind Kinderspiele verboten. Die Kinder werden vom Haus weg auf die Straße getrieben, viele verwahrlosen.

*Quellen & Lizenzen der Abbildungen: 01 Stadtarchiv Brandenburg a. d. Havel, 02 Deutsches Technik Museum Berlin, 03 ZEISS Microscopy, Wikimedia, CC BY-SA 2.0 (Lizenz), 04 Dr. Oetker Nahrungsmittel KG, Bielefeld

/

Spielzeug als Spiegel der industriellen Revolution

In den neu entstehenden bürgerlichen Schichten ist vieles anders: Die Kinder in den großbürgerlichen Unternehmerhaushalten üben spielend ihre künftige Rolle in Familie und Gesellschaft ein. Dabei werden sie von ihren Müttern oder von Gouvernanten angeleitet. Kinderzimmer sind Spiel- und Lernorte, in denen Puppenstuben für die Mädchen, Dampfmaschinen für die Jungen bereitstehen – entsprechend der klassischen Rollenbilder.

Die Dampfmaschine als Spielzeug

Wie in einer Fabrik können die Jungen ihr Dampfmaschinenmodell über Treibriemen mit verschiedenen Antriebsmodellen verbinden. Diese beginnen automatisch zu arbeiten, wenn die Maschine mit Petroleum unter Dampf gesetzt wird. So werden schon dem spielenden Bürgerkind die arbeitenden Menschen zum verlängerten Arm der Maschine.

*Quellen & Lizenzen der Abbildungen: 01 – 07 Sammlung BPM, 08 Privatsammlung

/

Altes Spielzeug ruft nicht nur Kindheitserinnerungen wach. Es erzählt von der Zeit und aus der Gesellschaft, in der es entstanden ist. So ist es auch mit dem Spielzeug aus der Kaiserzeit. Wie ein Spiegel vermittelt es ein Bild der durch die Industrialisierung gewandelten Lebens- und Arbeitswelten.