1
Mobilität und Industrialisierung
Ab 1835 treibt der Eisenbahnbau die Mobilität und Industrialisierung in Deutschland voran. Mit den neuen dampfbetriebenen Eisenbahnen können mehr Güter transportiert werden als je zuvor. Gleichzeitig sinken die Frachtkosten. Erstmals lassen sich auch über große Entfernungen Fabriken, Minen und Hüttenwerke mit Brenn- und Rohstoffen versorgen.
Foto: Eisenbahnstiftung Joachim Schmidt; Märklin-Zug: Sammlung BPM
Mit der Eisenbahn kommen Mobilität und Industrialisierung in Fahrt
Die Industrialisierung nimmt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihren Anfang. Vorreiter ist England, wo 1825 auch die erste Eisenbahn fährt. Englische Politiker schützen landeseigene Innovationen wie Staatsgeheimnisse. Durch Industriespionage, Abwerbung englischer Experten oder illegale Ausfuhr und Kopie englischer Maschinen gelangt das Wissen zu Mobilität und Industrialisierung allmählich nach Deutschland.
Spielzeugobjekt Zug Sonderausstellung „[K]ein Kinderspiel“
Die erste dampfbetriebene Eisenbahn in Deutschland fährt 1835 auf einer sechs Kilometer langen Strecke von Nürnberg nach Fürth. Drei Jahre später eröffnet die Strecke Berlin-Potsdam. Diese wird nach und nach bis nach Magdeburg ausgebaut. 1839 folgt die erste Fernbahnstrecke: Die 120 Kilometer lange Route verbindet Dresden mit Leipzig.
Auf der Fernbahnstrecke zwischen Dresden und Leipzig fährt auch die „Saxonia“ – die erste nach englischem Vorbild gebaute Dampflokomotive. Denn schon bald entwickeln deutsche Unternehmen eigenständig Lokomotiven. Die Werkstatt August Borsig aus Berlin stellt 1844 das Modell „Beuth“ vor. Damit gelingt es Borsig, innerhalb eines Jahrzehnts den technischen Vorsprung der Engländer von über 20 Jahren einzuholen – und selbst eine marktbeherrschende Stellung im Lokomotivbau zu erringen. Im Jahr 1853 beliefern englische Unternehmen die preußischen Eisenbahnen zum letzten Mal. Danach kommen sämtliche Dampflokomotiven der preußischen Eisenbahnen aus heimischer Produktion.
Die erhöhte Mobilität wirkt nicht nur auf die Industrialisierung, indem Gütertransporte einfacher und günstiger werden. Auch das individuelle Reisen wird leichter – und die Menschen mobiler. Zum Vergleich: Eine Postkutsche zwischen Augsburg und Nürnberg befördert im Jahr 1839 nur 309 Fahrgäste. Zwei Jahre später transportiert ein Zug auf derselben Strecke 31.622 Fahrgäste. Auch die Reisezeit verkürzt sich. Braucht eine Postkutsche von Berlin nach Köln fünfeinhalb Tage, benötigt der Schnellzug ab 1851 gerade einmal 17 Stunden.
Das deutsche Eisenbahnnetz wächst rapide
1849 sind in Deutschland über 5.800 Kilometer Eisenbahnlinien in Betrieb. Im Jahr 1900 sind es bereits 51.000 Kilometer.
Die Eisenbahn verändert die Gesellschaft
Die 1840er Jahre sind eine Zeit politischer Umwälzungen, befeuert durch die erhöhte Mobilität und die Industrialisierung. Deutschland ist in dieser Zeit als lockerer Staatenbund regionaler Fürstentümer organisiert.
Die neue Mobilität fördert das Nationalgefühl
Mobilität und Industrialisierung lassen Deutschland nun aber auch politisch zusammenwachsen. Sie fördern das Nationalgefühl und tragen dazu bei, dass die Diskussionen über die Einheit Deutschlands nicht zur Ruhe kommen – ein Dorn im Auge der regionalen Fürsten. Im Jahr 1848 trifft sich mit der Nationalversammlung das erste gesamtdeutschen Parlament in der Frankfurter Paulskirche.
Abgeordnete der Nationalversammlung warten auf den Zug nach Frankfurt/M.
Quelle: akg-images
Wahlbezirke wachsen zusammen
Die Mehrheit der 809 Abgeordneten der Nationalversammlung pendeln mit der Bahn zwischen Frankfurt und den heimatlichen Wahlbezirken. Nur mit Hilfe der Eisenbahn können sich die Abgeordneten bei ihren Wählern verankern und die Diskussionen und Arbeitsergebnisse des Parlamentes in ihre Wahlbezirke zurückbringen und dort erklären.
Bahnhöfe Berlins
Ende des 19. Jahrhunderts prägen mehrere Bahnhöfe das Stadtbild Berlins. Unter den repräsentativen Bauten sind sowohl Regional- als auch Fernbahnhöfe. Die meisten werden im 2. Weltkrieg beschädigt und nach der Teilung der Stadt abgerissen. Historische Fotografien erinnern heute an die monumentale Architektur.
*Quellen der Abbildungen: 01 – 08 Architekturmuseum TU Berlin
Mobilität und Industrialisierung halten Einzug ins Kinderzimmer
Mobilität und Industrialisierung spiegeln sich im Kinderspielzeug. Wenige Jahrzehnte nach der Erfindung der Eisenbahn erobert diese auch die Kinderzimmer – zunächst als Holzspielzeug oder aus Metall mit Dampfantrieb.
Lasse Helmchen stellt sein Lieblingsobjekt aus der Sonderausstellung „[K]ein Kinderspiel“ vor.
Das erste Kind, das eine funktionsfähige Modelleisenbahnanlage besitzt, ist der französische Prinz Napoléon Eugène Louis Bonaparte, der Sohn von Kaiser Napoléon III. Seine Eltern lassen ihm 1859 zu seinem dritten Geburtstag eine Eisenbahnanlage in die Parkanlage von Schloss Saint Cloud bauen.
1886 bietet der Spielwarenhersteller Bing aus Nürnberg die erste komplette Zuggarnitur mit einem Gleisoval an. 1891 stellt die Firma Märklin aus dem schwäbischen Göppingen die erste Modelleisenbahnanlage mit Schienen und Weichen vor. Märklin normiert auch als erster Hersteller die Spurweiten seiner Modellbahnen, woran sich die anderen Hersteller anschließen.
Elektrolokomotive RS 66/12921, Märklin (Göppingen), um 1930
Quelle: Sammlung BPM
Spielzeug für das Bürgertum
Solche Modelleisenbahnen werden in unterschiedlichen Preiskategorien angeboten, von fein ausgearbeiteten Spur 1 Modellen für die wohlhabende Kundschaft bis zu schlichteren Ausführungen in Spur 0 für Kunden mittlerer Einkommen wie zum Beispiel Handwerker. Für Arbeiterkinder bleiben bestenfalls einfache Holzeisenbahnen. Der heutige Sammlermarkt für hochpreisige Modelleisenbahnen der Kaiserzeit reflektiert sicher nicht die tatsächliche Verteilung von Einkommen und Spielzeug damals.
*Quellen: 01 – 09 Sammlung BPM
Detaillierte Informationen rund um Mobilität und Industrialisierung gibt es auch in unserem Podcast „Preußisch Blau“, Folge #3: „Preußen dampft! – Die späte Industrialisierung Preußens“.